Glossar

Gerne erläutere ich Ihnen die Bedeutung einiger Begriffe, die immer mal wieder auf dr-herber.de auftauchen.

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A

Abwehr/Abwehrmechanismen

Das Ich wehrt sich gegen unlustvolle Triebansprüche, Affekte, Wahrnehmungen und Vorstellungen. Diese selbst und die daraus entstehenden seelischen Konflikte werden aus dem Bewusstsein ausgeschlossen und / oder ihre Wiederkehr ins Bewusstsein wird verhindert.Dieses geschieht als Schutzfunktion zur Erhaltung des Ich, kann aber auch als pathologische Konfliktbewältigung zur symbolischen Befriedigung oder Reparation vom Ich eingesetzt werden.

Je nach Differenzierungsgrad der Persönlichkeit unterscheiden wir normale, neurotische und psychotische Abwehrmechanismen. Durch die gesetzmäßige Wiederkehr des Verdrängten wird der Mensch auf Grund der wiederholten Konfrontation mit eben diesem Verdrängten zur Individuation gedrängt.

Affekte

Es gibt eine begrenzte Anzahl von Affekten, die in allen Kulturen auftritt. Relativ sicher ist dies für die mimische Konfiguration:

  • Freude
  • Trauer
  • Wut
  • Ekel
  • Überraschung
  • Furcht

Diese Gefühle werden als “primary motives” (Primär Affekte) bezeichnet. Allerdings sind nur jene Emotionen erfasst, die durch visuelle, eindeutige Signale ausgelöst werden können (beziehen sich auf den motorisch-expressiven Signalanteil des Affektsystems), sie werden auch “it-emotions” (Dahl, 1979; De Rivera, 1977) genannt.

Die selbstreflexiven “me-emotions” und solche, die der inneren Steuerung des Denkens und Handelns dienen, sind damit nicht erfasst.

Anima/Animus

Anima (lat. Seele), animus (lat. Geist): Seit der Antike für die Seele verwendete Begriffe. Von C. G. Jung in die Analytische Psychologie aufgenommen.

Die innere Frauenfigur im Mann und die Männergestalt, die in der Psyche einer Frau wirkt, sind psychische Bilder,
entstanden aus archetypischen Grundstrukturen. Sie äußern sich unterschiedlich in den fundamentalen Formen der “weiblichen” Eigenschaften eines Mannes und der “männlichen” Eigenschaften einer Frau und gelten daher als Gegensätze.
Die psychische Doppelgeschlechtlichkeit entspricht der biologischen Tatsache, dass es die größere Anzahl von männlichen bzw. weiblichen Genen ist, die den Ausschlag bei der Bestimmung des männlichen bzw.weiblichen Geschlechtes gibt.
Empirisch werden sie als gegengeschlechtliche Seelenteile im Unbewussten jedes Menschen gesehen (Kast 1979) und sind somit in Therapien zur Verdeutlichung von Projektionen hilfreich.

Aus symbolisch-archetypischer Sicht sind sie im Seelischen angesiedelt und sind so konstituierende Momente des Seelischen und damit des menschlichen Erlebens, vergleichbar mit dem, was in der chinesischen Kulturwelt als yin und yang erscheint, bei Freund als Eros und Thanatos, philosophisch als Eros und Logos, oder als Anschauung und Denken (Hillman 1985).

Nach Giegerich (1994) stehen sich mit diesem Begriffspaar “das Reich der Inhalte, Bilder, Gestalten einerseits und der Erfassung des Bildes im Begriff andererseits” gegenüber.

Im Allgemeinen wird die Anima als intuitiv und launisch aufgefasst. Der Animus dagegen ist rational und beherrschend. Anima und Animus tauchen oft in den vordergründigen Charakterzügen der Persona (lat. Maske) auf und haben kompensierende Funktion.
Je mehr beispielsweise bei einem Mann die Persona durch eine männliche Fassade durchdrungen ist, desto eher ist es wahrscheinlich, dass in einem anderen Lebensbereich ein weiblich-sanftes Verhalten auftaucht.

Die Anima symbolisiert unterdrückte weibliche Handlungsweisen wie Kommunikationsfähigkeit hinsichtlich persönlicher Belange, Einfühlungsvermögen, Beziehungsfähigkeit, den Zugang zum eigenen Körper und den Gefühlen, Anpassungsfähigkeit.

Der Animus symbolisiert unterdrückte, männliche Eigenschaften wie Aggression, Triebhaftigkeit, Mut, Risikobereitschaft, Eigeninitiative, geistige Selbständigkeit, Innovation.

Da diese Inhalte aber nicht vollkommen zu unterdrücken sind, kehren sie nach außen über Projektionen auf andere Personen und Gegenstände zurück.

Archetyp

griech. “das von Anfang an Geprägte“.

C. G. Jung unterscheidet zwischen Archetypus und archetypischem Bild. Ersterer ist eine Struktur in der menschlichen Psyche, zweiteres ist die Erscheinungsform dieser Struktur.

Die Archetypen sind keine vererbten Bilder oder Vorstellungen, sondern die Möglichkeit und Bereitschaft zu deren Gestaltung. Man kann sie als inhaltslose Formen verstehen, die unendlich viele verschiedene, mögliche Inhalte beherbergen können. Allerdings bestimmen sie die Form oder Gestalt dieses Inhaltes.

Die im Laufe des Lebens angesammelten Erfahrungen sind als Inhalte zwar individuell, drücken sich aber in archetypischen Formen und Bildern aus.
Die Archetypen, die sich im kollektiven Unbewussten konstellieren, sind Felder morphischer Resonanz. Diese Felder wirken als kollektives menschliches Gedächtnis, auf das wir in unseren Lernprozessen zurückgreifen und aufbauen können.

Erik Erikson spricht von “instinktiven Strukturen” und “präformierten Handlungsmustern”, die unter entsprechenden Umständen “Triebenergie zur augenblicklichen, kraftvollen und geschickten Freisetzung” hervorrufen. Und weiter sagt er, “dass alle Handlungsmuster – die Art und Weise des Handelns – im Grundplan von Anfang an vorhanden sind, aber ihre bestimmte Zeit und dem Individuum entsprechende Form haben, in der sie aufsteigen”.

“Sie sind die Inhalte des kollektiven Unbewussten und darin die grundlegenden Strukturen, welche die spezifische Natur der menschlichen Psyche festlegen, die immer dieselbe ist, unabhängig von der Kultur, in der das Individuum lebt.” (aus: C. G.Jung – “Die Struktur der Seele“, GW8, Walter)

“Der Archetypus stellt wesentlich einen unbewussten Inhalt dar, welcher durch seine Bewusstwerdung und das Wahrgenommensein verändert wird, und zwar im Sinne des jeweiligen individuellen Bewusstseins, in welchem er auftaucht.” (aus: C. G. Jung – “Archetypen”, dtv)

Die Grundformen der Archetypen können viele verschiedene Seiten aufweisen, je nachdem, wie sie sich in einer bestimmten Person manifestieren; das “Interferenzmuster” der Beziehung von Archetyp und Persönlichkeit ist von Person zu Person verschieden.

“Welche Qualität ich in einer bestimmten Form von Archetyp sehe – die gute Mutter oder die böse Mutter, den alten Weisen oder den verschrobenen, saturnalen Senex – hängt ganz davon ab, welche Art von konstruktiven oder destruktiven ‘Beziehungs-Interferenzen’ sich aus meinem eigenen, einzigartigen und subjektiven Standpunkt im Leben ergeben.” (aus: Katya Walter- “Chaosforschung, I-Ging und genetischer Code”)


C

Coping

Coping wird in Websters Dictionary als “erfolgreiches Umgehen” mit Anforderungen definiert, als “Streben oder Ringen mit gleicher Stärke”. Coping bezeichnet einen andauernden Prozess, in dem das Individuum auf die Erreichung eines Ziels hinarbeitet.

In der Psychologie und Medizin wird der Begriff synonym mit Bewältigungsstrategien und -mechanismen verwendet. Die Wirksamkeit einer Coping-Strategie hängt von der Art der Stress-erzeugenden Situation ab.

Während positive Effekte von sozialer Unterstützung auf die Gesundheit von stressbelasteten Personen insgesamt im Vordergrund stehen, können sich selbst aus sozialer Unterstützung auch erhebliche negative Aspekte bei der Krankheitsverarbeitung wie bei der Symptomentwicklung ergeben.

Vermeidungsverhalten beispielsweise kann hierdurch verstärkt werden. Der Copingprozess wird durch personen- und umgebungsspezifische Faktoren ausgelöst und beeinflusst. Coping zeigt sich auf verschiedenen Handlungsebenen, die miteinander interagieren. Der Copingprozess verläuft dynamisch. Durch konflikthafte Ansprüche, die produktive Formen des Verhaltens hervorbringen oder auch durch eine Behebung der kognitiv wahrgenommenen oder herausfordernden Anforderungen wird Coping dynamisiert.

Effekte des Coping: Coping ist nicht nur ein Prozess, der die Behebung oder Ausschaltung einer belastenden oder herausfordernden Situation zum Ziel hat. Coping erscheint auch dann, wenn habitualisierte Verhaltensweisen nicht mehr ausreichen. Eine Herausforderung oder Belastung ist in diesem Kontext eine Voraussetzung für eine produktive Anpassung oder Entwicklung.

Diese erfolgt dann als eine neuintegrierende oder als eine prospektives Verhalten orientierende Leistung der Person. (E. Olbrich, 1984). Jugendalter – Zeit der Krise oder der produktiven Anpassung ? In Olbrich, E. & Todt, E. Probleme des Jugendalters. (S. 1-. 4. Berlin: Springer Unter Coping im engeren Sinne wird die Reaktion (oder Reaktionen) auf eine Bedrohung verstanden.

Die Bedrohung besteht im Gewahrwerden der Möglichkeit, dass unangenehme Ereignisse eintreten können, wobei keine routinemäßigen Handlungen zur Verhinderung der unangenehmen Ereignisse bekannt sind bzw. ausgeführt werden können.

Unter Coping im weiteren Sinne könnte man alle Handlungen fassen, die darauf ausgerichtet sind, potentielle Bedrohung erst gar nicht entstehen zu lassen. Obgleich der Zeitpunkt zum kritischen, unangenehmen Ereignis entscheidenden Einfluss auf die Effektivität des Copings hat, besteht die Gefahr bei einer Extension des Copingbegriffs darin, praktisch das ganze Leben als Coping zu betrachten.
Benutzt wird deshalb im Regelfall die enge Version des Copingbegriffs. Ein Coping ist dann angemessen, wenn es der persönlichen Zielerreichung im Sinne der Förderung der seelischen Gesundheit dienlich (zumindest aber nicht abträglich) ist, also wenn es die Lebenszufriedenheit zuverlässig und möglichst langfristig fördert (zumindest diese aber nicht reduziert).

Verkürzt: Coping A ist angemessener als Coping B, wenn A dem Individuum insgesamt mehr nützt als B.

Genauer: Die Folgen von A (einschließlich A) sollen für das Indviduum insgesamt positiver im Sinne der Zufriedenheit sein, als die Folgen von B (einschließlich B).

Da sich für fast alle Copings Bedingungskonstellationen finden lassen, welche die Anwendung dieses Copings als angemessen qualifizieren, wäre es zweifellos von Vorteil, das Individuum verfüge über eine große Vielfalt unterschiedlicher Coping-Capabilities, die, um die Fiktion zu vervollständigen, dann auch noch gemäß eines optimalen diagnostischen Verfahrens quasirational, je nach den situationalen Erfordernissen, zur Anwendung kämen.

Der Copingprozess stellt eine spezifische, problem- bzw. bewältigungsbezogene Anpassungs- oder Regulationsleistung des Individuums dar, die eingebunden ist in die dem Individuum verfügbaren emotionalen und kognitiven Möglichkeiten und Handlungsmuster, die grundsätzlich als Ausdruck der konkreten Abwehroperationen eines Individuums anzusehen sind. Anstrengungen zur Überwindung von Schwierigkeiten, Stress- und Belastungssituationen.

Konfrontation
  • seine Position behaupten
  • versuchen, die verantwortliche Person zur Meinungsänderung zu bewegen
  • Ärger ausdrücken gegenüber der Person, die das Problem verursachte
  • Gefühle “rauslassen”
Distanzierung
  • weitermachen als ob nichts geschehen wäre
  • die Situation ins Lächerliche ziehen
  • versuchen, das ganze zu vergessen
Selbstkontrolle
  • die Gefühle für sich behalten
  • verhindern, dass andere merken, wie schlecht es wirklich steht
  • verhindern, dass die Gefühle die Handlungen beeinträchtigen
Suche nach sozialer Unterstützung
  • mit jemandem sprechen, um mehr über die Situation herauszufinden
  • mit einem Experten sprechen
  • einen Verwandten, Freund, Ehegatten usw. um Unterstützung bitten
  • seine Gefühle anderen mitteilen
Akzeptanz der eigenen Verantwortung
  • Selbstkritik
  • sich selbst versprechen, dass man beim nächsten Mal anders handelt
Flucht / Vermeidung
  • der Wunsch, dass die Situation einfach vorbei geht
  • hoffen auf ein Wunder
  • fantasieren, wie alles anders sein könnte
  • Übersprunghandlungen, Kompensation mit Essen, Trinken, Rauchen, Drogen, Medikamenten etc.
Geplante Problemlösung
  • Pläne machen, wie die Situation bewältigt werden kann
  • Pläne verwirklichen
  • Veränderungen, damit alles wieder gut wird
  • Rückgriff auf frühere Erfahrungen in ähnlicher Situation
Positive Neubewertung
  • Veränderung der Persönlichkeit
  • Gewinn auch aus der schlechten Erfahrung ziehen
  • neue Hoffnung finden
  • Umbewertung der Prioritäten im Leben

Handlungsbezogene Bewältigungsformen:

Ablenkendes Anpacken: Ablenken oder Vergessen von krankheitsbedingten Problemen wird in vertrauten Tätigkeiten gesucht.
Ich stürze mich in meine Arbeit / in mein Hobby, um die Krankheit zu vergessen.”

Altruismus : Eigene Wünsche, Bedürfnisse, Ängste etc. werden hinter die von anderen zurückgestellt, um sie nicht mehr spüren zu müssen.
“Das Wohlergehen anderer (z. B. meiner Angehörigen) ist mir wichtiger, als meiner Krankheit nachzuhängen.”

Aktives Vermeiden: Diagnostische Schritte oder therapeutische Maßnahmen werden unterlassen, obwohl zumindest eine gewisse Einsicht in deren Notwendigkeit besteht, da sie als zu belastend oder verunsichernd erlebt würden.
Ich schiebe meine Besuche beim Arzt hinaus oder befolge seine Anordnungen nicht so, wie ich eigentlich sollte.”

Kompensation: Durch Konsumieren (z. B. Kaufen, Essen, Alkohol) wird eine Spannungsreduktion erreicht.
“Wenn es mir schlecht geht, kaufe ich mir etwas Besonderes (Essen, Kleider, Bücher etc.). Eine Zigarette oder ein Glas Wein machen manches erträglicher.”

Konstruktive Aktivität: Es werden subjektiv hoch gewertete Handlungen (kreative Leistungen) ausgeführt, die evtl. vor der Krankheit zurückgestellt werden mussten.
Ich nehme mir letzthin mehr Zeit, um etwas Aufbauendes zu tun.” (etwa vermehrt einem Hobby nachgehen, Briefe schreiben, Bücher lesen etc.)

Sozialer Rückzug: Es erfolgt ein aktiver Rückzug aus dem vertrauten sozialen Umfeld, um so nicht auf andere Leute eingehen zu müssen und/oder um Zeit für sich (z. B. zum Überdenken, Erholen) zu gewinnen.
‘”Ich brauche meine Ruhe. Ich möchte mich mehr mit mir selbst befassen und zu mir selbst finden.”

Zupacken: Selbstverantwortliches, aktives Angehen der krankheitsbezogenen Situation und ihrer Probleme.
“Während der Abklärung und Behandlung trage ich selbst das Mögliche bei, sei dies bei meinem Arzt oder anderswo.”

Zuwendung: Die Möglichkeit, sich auszusprechen, verstanden zu sein und sich aufgehoben zu fühlen wird als hilfreich eingeschätzt und angestrebt.
Ich suche den Beistand und das Gespräch mit mir nahestehenden Menschen.”

Konzentrierte Entspannung: Ablenken von der Krankheit durch innere Sammlung und Entspannung durch Körperübungen (z. B. autogenes Training, Yoga, Meditation).
“Entspannende Körperübungen (autogenes Training, Yoga etc.) sind mir in der Krankheit eine große Hilfe.”

Kognitionsbezogene Bewältigungsformen:

Ablenken: Der Auseinandersetzung mit der Krankheit wird dadurch ausgewichen, dass die Aufmerksamkeit auf andere Inhalte gerichtet wird.
“Es gibt Dinge, die mir wichtiger sind als die Krankheit und die mir helfen, mich davon abzulenken.”

Akzeptieren: Die Krankheit wird als schicksalhaft, vorbestimmt und unabänderlich mit mehr oder weniger großer Gelassenheit hingenommen. Man versucht, das Beste aus der Situation zu machen und mit der Krankheit zu leben.
Ich denke, dass ich die Krankheit hinnehmen kann und sie mit Fassung trage.”

Dissimulieren: Verharmlosen der momentanen Krankheitssituation, indem offensichtliche Gegebenheiten ignoriert (verleugnet) oder bagatellisiert (heruntergespielt) werden.
Ich wüsste nicht, warum ich beunruhigt sein sollte, es geht mir eigentlich ganz gut, und es ist nicht halb so schlimm, wie alle meinen.”

Haltung bewahren: Verbergen des eigenen Betroffenseins durch die Krankheit vor sich und vor anderen, Anstreben von Selbstkontrolle.
“Es ist mir wichtig, mich zusammenzureißen, Haltung zu bewahren.”

Problemanalyse: Gezielte, kognitive Analyse aller zugänglichen Informationen über die Krankheitssituation.
Ich versuche, mir zu erklären, was mit mir und meiner Krankheit wirklich los ist.”

Relativieren: Versuch, sich mit der eigenen Krankheitssituation abzufinden, indem diese bewusst mit schlimmeren Krankheiten oder Schicksalsschlägen anderer Menschen verglichen wird.
“Wenn ich an die Leute denke, die wirklich Schweres zu tragen haben, geht es mir noch relativ gut.”

Religiosität: Tröstender und schützender Rückhalt im Glauben.
“Mein Glaube an Gott und an die Vorsehung gibt mir den nötigen Halt.”

Rumifizieren: Quälendes, grüblerisches, zwanghaftes Hin- und Herüberlegen in Bezug auf die Krankheitssituation, ohne zu einer Lösung zu kommen.
“Meine Gedanken drehen sich immer wieder um die Krankheit, ohne dass ich dabei zu einem Ergebnis komme.”

Sinngebung: Der Krankheit wird ein tieferer Sinn (z. B. Chance zu veränderter Lebenshaltung) zugeordnet.
“Die Krankheit hilft mir, eine neue Aufgabe oder eine Chance in meinem Leben zu sehen.”

Valorisieren: Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls durch die Erinnerung an erfolgreich gemeisterte Situationen, an Situationen, die persönliche Anerkennung brachten und/oder durch die Besinnung darauf, wie gut man mit der Krankheit umgeht.
“Diese Krankheit bewältige ich ebenso gut, wie schon manch anderes; es gelingt mir eigentlich gut, mit den neuen Schwierigkeiten fertig zu werden.”

Humor: Herangehen an die Krankheitssituation mit Humor.
“Wenn ich mit etwas Humor an die Sache herangehe, kann ich sogar über mich selbst lachen.”

Emotionsbezogene Bewältigungsformen:

Hadern/Selbstbedauern: Die momentane Krankheitssituation wird als unverdient und ungerecht empfunden, entsprechend wird mit dem Schicksal gehadert oder der eigene Zustand beklagt.
Ich frage mich, warum es gerade mich treffen musste!”

Emotionale Entlastung: Reduktion der inneren Spannung und momentane Entlastung durch den offenen Ausdruck der durch die Krankheitssituation ausgelösten Gefühle sich selber oder einem Partner gegenüber.
“Es kommt vor, dass mir ein Wutausbruch, Weinen oder auch mal Lachen Erleichterung bringen.”

Isolieren/Unterdrücken: Nichtwahrnehmen bzw. Nichtzulassen von der Krankheitssituation angemessenen Gefühlen.
Ich bin selbst erstaunt, wie wenig mich die Krankheit berührt.”

Optimismus: Zuversichtliche Haltung bei aller Einsicht in die momentane Belastung.
“Mit etwas Glück kommt alles wieder in Ordnung. Ich bin und bleibe Optimist.”

Passive Kooperation: Sich dem behandelnden Arzt/Team im Wissen um deren fachliche und menschliche Kompetenz zuversichtlich anvertrauen.
Ich weiß, dass ich bei den Ärzten in guten Händen bin.”

Resignation/Fatalismus: Aufgeben von Hoffnung, sich der Krankheitssituation mutlos ergeben.
Ich habe das Gefühl, dass alles keinen Sinn mehr hat, ich habe die Hoffnung verloren.”

Selbstbeschuldigung: Im Bemühen, sich den momentanen Krankheitszustand besser erklären zu können, wird die Verantwortung dafür dem eigenen Verhalten zugeschrieben.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich wohl selbst schuld an meiner Krankheit bin und ich es daher nicht anders verdient habe.”

Schuld zuweisen/Wut ausleben: Enttäuschung und Verärgerung über die eigene Krankheitssituation werden dadurch entschärft, dass echte oder scheinbare Mängel in der Betreuung oder in den momentanen Lebensumständen zum Anlass genommen werden, anderen Schuld zuzuschreiben oder an ihnen Wut auszulassen.
“Manchmal packt mich eine große Wut auf die anderen.”


E

Enantiodromie

Die “Gegenläufigkeit” in der Gegengeraden einer Pferderennbahn war das Bild, das Heraklit für ein psychologisches “Gesetz” verwandte, das beschreibt, das alles, was ist, früher oder später in sein Gegenteil übergeht.

“Dem grausamen Gesetz der Enantiodromie entrinnt nur der, der sich vom Unbewussten zu unterscheiden weiß” (GW, Bd.7, §112).

Wenn Lebenspositionen extrem einseitig eingenommen werden, wird nach einer gewissen Zeit in der Psyche eine gleich starke Gegensatzposition aufgebaut bzw. sie konstelliert sich im Außen (Schicksalszwang).

Das “Hervortreten des unbewussten Gegensatzes” (GW, Bd.6, §79) behindert zunächst die bewusste Leistung, um dann die Blockaden und die bewusste Kontrolle des Ich zu durchbrechen.


G

Gegensätze

Der Mensch stellt in seiner Gesamtpersönlichkeit keine Einheit dar, sondern gliedert sich in multiple “Teilpersönlichkeiten”. Sein Facettenreichtum macht seine Ganzheit aus.

Im Laufe der Individuation, in der Bewusstwerdung, löst sich die scheinbare Einheitlichkeit der Person in Gegensatzpaare bzw. in die Vielfalt der inneren Dialogpartner auf. Jung greift einen Begriff Heraklits auf (Enantiodromie), mit dem er die den reiferen Lebensabschnitten innewohnenden Versagensstrukturen der bisherigen Einstellungen zum Leben als das Bewusstwerden eines bisher unbewussten Gegensatzes bezeichnet. Nicht mehr das auf die Welt projizierte Ungemach (Vater, Mutter, Partner etc.) steht mir im Weg, sondern ich selber erkenne einen mir bisher unbewussten Teil meiner Persönlichkeit als verantwortlich. Diese Rücknahme der Projektionen, diese Integration der bisher nicht gelebten (weil abgelehnten oder unbewussten) Persönlichkeitsanteile (Schatten) und dieses Erkennen der kollusiven Thematik der Syzygie “bedeutet dem Menschen der zweiten Lebenshälfte eine Erneuerung des Lebens” (GW, Bd.7, §91). Denn ein Leben ohne inneren Widerspruch ist “erst das halbe Leben” (Briefe, Bd.1, Olten, Walter-Verlag.)

Der Ausgleich der Gegensätze ist Ausdruck der Selbstregulation der Psyche, ist als Kompensation psychischer Einseitigkeit Ausdruck eines differenzierenden Beziehungsverhältnisses zwischen Bewusst und Unbewusst. “Diese Auseinandersetzung mit dem Unbewussten ist eine Arbeit oder ein Erleiden” (GW, Bd.7, §121).

Gegenübertragung

“Der Psychoanalytiker aber darf nicht mehr nach Herzenslust milde und mitleidsvoll oder grob und hart sein und abwarten, bis sich die Seele des Kranken dem Charakter des Arztes anpaßt; er muß es verstehen, seine Anteilnahme zu dosieren, ja, er darf sich seinen Affekten nicht einmal innerlich hingeben, denn das Beherrschtsein von Affekten oder gar von Leidenschaften schafft einen ungünstigen Boden zur Aufnahme und richtigen Verarbeitung von analytischen Daten. Da aber der Arzt immerhin ein Mensch, und als solcher Stimmungen, Sym- und Antipathien, auch Triebanwandlungen zugänglich ist, – ohne solche Empfänglichkeit hätte er ja kein Verständnis für die Seelenkämpfe des Patienten, – so hat er in der Analyse fortwährend eine doppelte Arbeit zu leisten: einesteils muß er den Patienten beobachten, das von ihm Erzählte prüfen, aus seinen Mitteilungen und seinem Gebaren sein Unbewußtes konstruieren; andernteils hat er gleichzeitig seine eigene Einstellung dem Kranken gegenüber unausgesetzt zu kontrollieren, wenn nötig, richtigzustellen, das heißt die Gegenübertragung (Freud) zu bewältigen.” ((Sándor Ferenczi)

Übertragung beschreibt das Erleben von Gefühlen und Einstellungen zu Personen des gegenwärtigen Lebens, die ursprünglich einen Bezug zu Personen der frühen Kindheit haben und unbewusst auf gegenwärtige Interaktionen verschoben werden. Gegenübertragung umfasst dann alle Gefühle des Psychotherapeuten seinem Patienten gegenüber (Paula Heimann). In der Gegenübertragung ist auch immer eine Mischung enthalten von a) Gefühlen aus dem unbewussten Selbst des Patienten, also einem Erkennen seines Wesens, und b) Gefühlen aus der Übertragungsrolle, die der Patient dem Therapeuten zuschreibt.


I

Ich

Für Freud war das Ich sowohl handelnde Person als auch eine psychische Instanz, Teil des psychischen Apparates (Ich – Es – Über-Ich). Es war sicher sein Verdienst, unsere Größenvorstellung, wir wären “Herr im eigenen Haus”, drastisch zu beschneiden. Doch in seiner Vorstellung, menschliche Motivation sei in ein durch Triebe gesteuertes Es eingebettet, ist er weit über das Ziel hinausgeschossen.

Das im Vergleich zum Es schwache Ich agiert den Erfordernissen der Außenwelt gegenüber (Realitätsprinzip) als vermittelnd oder abwehrend (unbewusster Anteil des Ich). Im Verlaufe eines Jahrhunderts (Piaget, Hartmann, Kohut) wurde aus dem Ich “unser Erleben von uns selbst”, das Erleben eines Subjektes innerhalb seines Kontextes.

Diese Intersubjektivität beschreibt das Ich als das Erleben, ein Subjekt zu sein, d. h. Erleben durchaus auch unbewusst zu organisieren.

Jung hatte vom Ich andere Vorstellungen als Freud. Für ihn war das Ich das Zentrum des Bewusstseins. Er sah aber auch die Beschränkungen und die Unvollständigkeit des Ich, das weniger sei als die ganze Persönlichkeit.

Das Ich ist zwar mit solchen Themen befasst wie persönliche Identität, Aufrechterhaltung der Persönlichkeit Kontinuität über die Zeit, Vermittlung zwischen der bewussten und der unbewussten Ebene, Wahrnehmung und Realitätsprüfung; man muss es aber auch als Instanz begreifen, die auf die Forderungen von etwas ihm Überlegenem reagiert. Dabei handelt es sich um das Selbst – das anordnende Prinzip der ganzen Persönlichkeit.

Anfangs ist das Ich mit dem Selbst vermischt, später aber unterscheidet es sich von ihm. Es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit der beiden Instanzen: Das Selbst sorgt für die mehr ganzheitliche Sicht und ist daher überlegen; aber die Aufgabe des Ich besteht darin, die Anforderungen dieser überlegenen Instanz in Frage zu stellen oder ihnen gerecht zu werden. Die Konfrontation von Ich und Selbst fand Jung charakteristisch für die zweite Lebenshälfte (Ich-Selbst-Achse).

Aufgabe des Ich hinsichtlich des Schattens ist es, ihn zu erkennen und dann zu integrieren, statt ihn durch Projektion abzuspalten. Jung betrachtete die Analytische Psychologie als Reaktion auf einen übermäßig rationalen und bewusstseins-orientierten Ansatz, der den Menschen von seiner natürlichen Welt und auch seiner eigenen Natur isoliert und also einschränkt.
Andererseits bestand er darauf, dass Traum- und Phantasiebilder nicht direkt zur Anreicherung des Lebens verwendet werden können. Sie sind vielmehr eine Art Rohmaterial, eine Quelle von Symbolen, die in die Sprache des Bewusstseins übersetzt und in das Ich integriert werden müssen.

Bei dieser Arbeit verbindet die transzendente Funktion Gegensätzlichkeiten. Die Aufgabe des Ich besteht darin, Gegensätze zu unterscheiden, ihren Spannungen standzuhalten und ihre Lösung zuzulassen; schließlich soll es das daraus entstehende Ergebnis schützen, welches die vorherigen Ich-Grenzen erweitert und ausdehnt.

Mit Blick auf die Psychopathologie sind eine Reihe möglicher Gefahren zu nennen:

  1. Das Ich entwächst nicht seiner primären Identität mit dem Selbst und kann daher nicht den Anforderungen der Außenwelt gerecht werden.
  2. Das Ich wird mit dem Selbst gleichgesetzt – mit der Folge einer Inflation des Bewusstseins.
  3. Das Ich nimmt eine rigide und extreme Einstellung an, gibt den Bezug zum Selbst auf und ignoriert die Veränderungsmöglichkeiten durch die transzendente Funktion.
  4. Das Ich ist aufgrund der entstehenden Spannung außerstande, sich auf einen bestimmten Komplex zu beziehen. Dadurch wird dieser Komplex abgespalten und beherrscht das Leben des Individuums.
  5. Das Ich wird von einem Inhalt überwältigt, der aus dem Unbewussten aufsteigt.
  6. Die inferiore Funktion bleibt unintegriert und für das Ich unerreichbar mit der Folge grob unbewussten Verhaltens und einer generellen Verarmung der Persönlichkeit.

P

Projektion

Psychischer Vorgang, bei dem subjektive Qualitäten als Eigenschaften äußerer Gegenstände oder anderer Personen erlebt werden; nach Freud ein Abwehr-mechanismus, bei dem eigene verdrängte Bedürfnisse, minderwertig scheinende Eigenschaften oder Wünsche zur Entlastung unbewusst anderen Personen oder Dingen zugeschrieben werden. Eigene unerträgliche Vorstellungen, Gefühle oder Wünsche werden (unbewusst) anderen Personen oder Dingen zugeschrieben. So verlagern nach dieser Auffassung z.B. Kinder, die unentwegt »petzen«, in Wirklichkeit ihren eigenen Wunsch, Verbotenes zu tun, auf andere Kinder. Häufig werden auch gegensätzliche Wesenszüge des eigenen Selbst auf andere projiziert, um eigene Anomalien als normal erscheinen zu lassen, etwa wenn ein asketischer Mönch die Welt voller Lüstlinge sieht oder ein ausgesprochen geiziger Ehemann seine Ehefrau dauernd als Verschwenderin beschimpft. Die Projektion kann zwar zu einer Verringerung der individuellen Ängste beitragen, löst jedoch die zugrunde liegenden Konflikte nicht.

(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001

„Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ (Sigmund Freud)

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