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Achtsamkeit wird zur Masche

Der Psychologe Thomas Joiner (Professor für Psychologie an der Florida State University in Tallahassee) sieht einen Hype um die Achtsamkeit und warnt vor überzogenen Erwartungen an die Achtsamkeitsmeditation. Sie sei zu einer Industrie verkommen, in der die ursprüngliche Idee verloren gehe. Das Gespräch führt Steve Ayan (Dipl.-Psychologe, Redakteur bei »Gehirn&Geist«). Dieses Gespräch möchte ich Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen.

H. Herber

Herr Professor Joiner, Achtsamkeit halten die meisten für eine feine Sache. Sie soll helfen, Stress abzubauen sowie aufmerksamer und zufriedener zu sein. Was kritisieren Sie daran?

Es geht mir vor allem um drei Dinge: Erstens knüpfen heute viele Menschen stark übertriebene Erwartungen an diesen Begriff. Natürlich hat Achtsamkeit in ihrer ursprünglichen Form eine Menge für sich. Daraus ist inzwischen aber eine regelrechte Industrie geworden – man findet Achtsamkeitsangebote, wo man nur hinsieht: Achtsamkeit für Autofahrer, Achtsamkeit für Schwangere, achtsam kochen, achtsam kommunizieren, achtsam gärtnern … Das hat mit der Sache selbst oft nichts mehr zu tun. Zweitens scheint mir gerade das Überangebot die eigentliche, authentische Idee der Achtsamkeit immer mehr zu verdrängen, ja zu pervertieren. Es geht dabei nicht um das eigene Ego, nicht um ständige Beschäftigung mit sich selbst und die Konzentration auf das eigene Denken und Fühlen. Das Gegenteil ist der Fall. Und drittens dürfen wir bei aller Euphorie über die positiven Effekte nicht vergessen, dass die Achtsamkeitspraxis bei manchen Menschen auch kontraproduktiv sein kann. Zirka fünf Prozent derjenigen, die an Achtsamkeits-Retreats teilnehmen, zeigen danach mehr Unbehagen als zuvor. Sie kommen mit der Fokussierung auf sich selbst nicht gut zurecht. Solche unerwünschten Nebenwirkungen wurden zu lange ignoriert.

Was ist der Hauptunterschied zwischen authentischer Achtsamkeit und jener Ich-Fixierung, die Sie beobachten?

Vielen Achtsamkeitstrainings fehlt das Moment der Demut. Dem ursprünglichen Geist nach soll uns Achtsamkeit Bescheidenheit und Distanz lehren. Bei dieser Sichtweise ist das Ich vielleicht nicht gerade eine Illusion, aber doch gar nicht so wichtig, es ist ein Staubkorn im Universum. Der gegenwärtige Hype um die Achtsamkeit stellt den Einzelnen und sein Befinden in den Mittelpunkt. Statt auf Demut zielen viele Trainings auf Selbstoptimierung.

Warum ist das so schlimm – kann die »falsche« Achtsamkeit denn schaden?

Zunächst einmal ist sie vielfach nur wirkungslos, etwa so wie Hautcremes, die angeblich Falten beseitigen. Doch unter gewissen Umständen kann uns zu viel Selbstbeschäftigung natürlich schon im Weg stehen. Denken Sie nur an Situationen, in denen wir nervös sind oder uns unter Druck fühlen – wer sich da auf die eigene Aufregung konzentriert, kann sie dadurch verstärken und noch nervöser werden. Sich ablenken ist eben nicht immer falsch.

Die deutsche Übersetzung des Wortes »mindfulness« lautet Achtsamkeit. Dies suggeriert, man solle dabei genau auf sich oder seine Umwelt achten, seine inneren Regungen ausforschen. Ist das Sinn und Zweck der Übung?

Nein, bei der Achtsamkeitspraxis fokussiert man eigentlich auf gar nichts. Man lässt die Gedanken vorbeiziehen, ohne sie zu bewerten. Was immer im Moment vor sich geht, nimmt man hin, lässt es geschehen. Man fühlt sich dabei eher wie eine Art Medium, nicht wie ein aktiv Handelnder. Der heilsame Effekt dieser Selbst-Distanzierung beruht darauf, dass sie das automatische Beurteilen und Bewerten ausschaltet.

Betreiben Sie selbst Achtsamkeitsmeditation?

Nicht regelmäßig. Als ich anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, war ich ein noch viel größerer Skeptiker als heute. Inzwischen weiß ich, dass Achtsamkeit auch ihre sinnvollen Seiten hat. Allerdings hat es eine Weile gedauert, bis ich sie entdeckt habe.

Was meinen Sie damit?

Richtig eingesetzt, kann Achtsamkeit Leben retten – etwa wenn depressive Patienten dadurch besser mit ihren belastenden Gedanken fertigwerden. Ich will keineswegs das Kind mit dem Bade ausschütten, im Prinzip ist das alles ja nicht verkehrt. Es bringt uns aber nicht weiter, vor Problemen und Nebenwirkungen die Augen zu verschließen. In unserer ichbezogenen Gesellschaft hat die Achtsamkeit auf einmal eine ganz neue Funktion bekommen: Sie wird als Mittel zur Potenzialentfaltung und zur ungehemmten Beschäftigung mit dem eigenen Befinden betrachtet. Diese narzisstische Selbstbespiegelung ist ein Symptom unserer Zeit.

Was ist Achtsamkeit – und was nicht?
Der US-Mediziner und Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn entwickelte Anfang der 1970er Jahre ein mehrwöchiges Anti-Stress-Programm namens Mindfulness-Based Stress Reduction (kurz: MBSR). Darin verknüpfte er psychoedukative Lektionen über die Funktion des Stresssystems mit praktischen Entspannungsübungen sowie aus der fernöstlichen Meditationspraxis entlehnten Techniken. Hierzu zählt etwa der »Bodyscan«, bei dem man im Geist den eigenen Körper durchwandert, oder die Konzentration auf den eigenen Atemrhythmus. Solche Übungen zielen nach Kabat-Zinn darauf ab, den gegenwärtigen Augenblick ganz bewusst, aber nicht wertend in sich aufzunehmen – in einem Zustand »interesselosen Gewahrseins«. Anders als bei der Fokussierung auf einen Gegenstand werden die Gedanken und Empfindungen bei der Achtsamkeit nicht geschärft und eingeengt, sondern im Gegenteil geöffnet. Dies lindert laut zahlreichen Untersuchungen Anspannung und Stress.

Die MBSR entwickelte sich rasch zu einem Erfolgsmodell, das heute in zigfachen Abwandlungen von Coaches, Therapeuten und Lebensberatern eingesetzt wird. Eine Arbeitsgruppe um den britischen Psychologen Mark Williams von der University of Oxford integrierte Achtsamkeitselemente in die Kognitive Verhaltenstherapie. Mit der so geschaffenen Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT) erzielten Forscher gute Erfolge etwa bei der Rückfallprävention für depressive Patienten.

Inzwischen gibt es auf dem Gesundheitssektor einen unüberschaubar großen Markt an Achtsamkeitsangeboten – von der Burnout-Prophylaxe für gestresste Manager bis hin zu Entspannungsprogrammen für jedermann. Kritikern zufolge bleibt dabei vom ursprünglichen Geist der Achtsamkeit oft nur wenig übrig. Vor allem unterschätzen viele der angebotenen Kurzzeittrainings die Tatsache, dass Achtsamkeit eine Menge Übung erfordert und bei falscher Anwendung auch als belastend empfunden werden kann.
Ob heutzutage wirklich ein Anstieg des Narzissmus zu beobachten ist, gilt unter Forschern allerdings als strittig. Nur weil junge Leute gern Selfies in sozialen Netzwerken im Internet posten, müssen sie nicht unbedingt weniger empathisch oder stärker ichbezogen sein.

Stimmt, da wir müssen genauer unterscheiden. Der Narzissmus als tief greifende Persönlichkeitsstörung hat vermutlich nicht zugenommen. Jedoch beobachten wir durchaus eine wachsende Kultur der Selbstbespiegelung. Jean Twenge von der San Diego State University hat das empirisch untersucht. Laut ihren Befunden haben zwar nicht die empathischen Fähigkeiten von jungen Leuten im Vergleich zu früher abgenommen, durchaus aber die Bereitschaft, auf andere Rücksicht zu nehmen oder für gemeinschaftliche Werte einzustehen. Das eigene Vorankommen, die Selbstpräsentation, überhaupt alles, was die persönliche Entfaltung betrifft, besitzt einen höheren Stellenwert als noch vor 20 oder 30 Jahren. Daran mögen zum einen die digitalen Kommunikationsformen schuld sein; aber auch eine egozentrische Grundhaltung, die von der Achtsamkeitsszene Besitz ergriffen hat.

Belegen nicht viele Studien positive Wirkungen der Achtsamkeit?

Sicher. Wir haben es dabei jedoch oft mit niedrigen methodischen Standards zu tun, die strengeren wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten, etwa zu kleine Stichproben, keine Kontrollgruppen oder winzige Effekte. Aber weil alles, wo Achtsamkeit draufsteht, so gut ankommt, wird es trotzdem publiziert. In der Öffentlichkeit gilt das dann freilich, weil es in einem Forschungsjournal steht, als bewiesene Tatsache.

Trifft die Wissenschaft also eine Mitschuld am aktuellen Hype?

Ich finde schon. Die häufig schwachen und methodisch anfechtbaren Effekte rechtfertigen aus meiner Sicht nicht diese Rieseneuphorie. Fest steht: Achtsamkeit ist kein Allheilmittel. Forscher sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Öffentlichkeit ihre Methoden kaum hinterfragt. Wenn man sich ansieht, auf was für wackeligen Beinen viele Befunde stehen, gibt einem das schon zu denken.

Können Sie ein Beispiel geben?

Mein eigenes Forschungsfeld ist die Suizidprävention. Hier wird häufig die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie eingesetzt (kurz MBCT, von englisch: Mindfulness-Based Cognitive Therapy). Eine große britische Studie von Mark Williams und Kollegen an mehr als 250 schwer Depressiven ergab, dass die MBCT das Rückfallrisiko in den folgenden zwölf Monaten zwar reduzierte – allerdings nicht mehr als eine einfache medikamentöse Behandlung. Rund jeder zweite wurde erneut depressiv, ob mit oder ohne MBCT.

»Achtsamkeit ist kein Allheilmittel«
Deshalb ist von achtsamkeitsbasierten Ansätzen in der Psychotherapie aber nicht gleich abzuraten, oder etwa doch?

Natürlich nicht, das behaupte ich auch gar nicht. Die grundlegende Einsicht, dass unsere Gefühle und Gedanken nicht die Realität sind, sondern diese nur widerspiegeln, ist oft sehr hilfreich. Achtsamkeit ist ja eigentlich keine Meditation, die – wie bei anderen Formen der inneren Versenkung – die gedankliche Leere, eine Art inneres Nirwana zum Ziel hat, sondern eine Übung im aufmerksamen, aber distanzierten Wahrnehmen der eigenen Regungen. Das klappt freilich nicht auf Anhieb. Achtsamkeit ist nichts, was man aus dem Stegreif beherrscht, es bedarf vielmehr einer genauen Anleitung und längerer Übung. Schwer Depressiven einfach so zur Beschäftigung mit den eigenen Gedanken zu raten, birgt immer eine Gefahr. Es kann die Erkrankungssymptome verschlimmern und etwa Suizidneigungen sogar verstärken.

Sehen Sie ein Problem darin, dass andere, womöglich bessere Heilmethoden ungenutzt bleiben?

Das ist ein Grundproblem aller alternativen Verfahren – viele ihrer Befürworter meinen, auf Medikamente oder auf sonstige Ansätze der Schulmedizin verzichten zu können. Leute, die auf Achtsamkeit schwören, sind häufig gegenüber Antidepressiva sehr kritisch eingestellt. Eine handfeste Depression bekommt man aber nicht wegmeditiert. Wer Achtsamkeit als den einzig wahren Weg zur Heilung betrachtet, setzt sich dadurch selbst Grenzen.

Dient Achtsamkeit manchmal als Entschuldigung, um sich ungehemmt mit sich selbst zu beschäftigen?

So erscheint es mir. Auf jeden Fall hat Achtsamkeit ein blendendes Image. Viele Menschen glauben, damit könne man quasi nichts verkehrt machen. Doch wie bei vielem, was »angesagt« ist, bleibt oft der Kern der Sache auf der Strecke. Und gerade in einem akuten Seelentief kann es kontraproduktiv sein, sich in die eigenen Gedanken zu vertiefen.

Bei Gesunden wirkt das aber meist positiv, oder?

So pauschal kann man das auch da nicht sagen. Ein Team um Brent Wilson von der University of California in San Diego hat zum Beispiel gezeigt, dass Achtsamkeitsinterventionen das Gedächtnis schwächen können. Die Probanden sollten Wortlisten auswendig lernen, die um das Thema Müll kreisten. Anschließend wurden ihnen Wörter wie »Abfall«, »Dreck« oder »Altlasten« präsentiert, und sie sollten angeben, ob diese Begriffe zuvor mit auf der Liste gestanden hatten. Dabei meinten die Teilnehmer, die zwischen den Versuchsdurchgängen Achtsamkeitsübungen praktiziert hatten, ungefähr doppelt so häufig ein Wort wiederzuerkennen, das gar nicht darunter gewesen war, wie die übrigen Probanden. Möglicherweise sind wir im Zustand der Achtsamkeit weniger empfänglich für die Details unserer Umwelt.

Was raten Sie denjenigen, die Interesse an einem Achtsamkeitskurs haben oder jeden Morgen im Wohnzimmer ihre Übungen absolvieren?

Allen Achtsamkeitsfans würde ich sagen: Ist doch schön, dass es dir damit so gut geht, mach weiter! Wer leidenschaftlich Achtsamkeit betreibt und darin seine Erfüllung sieht, soll es tun. Aber bitte auch die Kirche im Dorf lassen.

Worauf sollte man achten, wenn man einen Kurs in MBSR oder Ähnliches absolvieren will?

Wer sich fragt, ob er mit Achtsamkeit anfangen soll, weil das alle tun und weil man so viel Tolles darüber hört, dem würde ich sagen: Man muss auch nicht alles mitmachen. Es gibt viele Arten zu entspannen, neue Kraft zu schöpfen oder im Einklang mit sich zu leben. Gehen Sie doch einfach spazieren! Oder lesen Sie die antiken Stoiker. Deren Philosophie nahm das meiste davon vorweg, was heute als achtsamer Lebensstil gehandelt wird. Vor allem aber sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass es bei der Achtsamkeit nicht darum geht, das eigene Ego zu stählen. Solche »10-Minuten-Mentaltrainings«, um anschließend wieder volle Leistung zu bringen, halte ich für einen Verrat an einer guten Idee.

Kurzzeitig messbare Effizienz versus nachhaltige Wirkung

Gerne verlinke ich heute einen Artikel, der Sie, geneigte(r ) LeserIn, zum Nachdenken, Kopfschütteln, Schaudern bringt…

Mich jedenfalls schaudert es, wenn Patienten sich zunehmend zu willfährigen Opfern des grassierenden Ökonomismus machen.

Hanswerner Herber

 

Jeder Tag ist Silvester…

… oder sollte es sein, wenn es darum geht, dass man sich der guten Vorsätze für das neue Jahr, die ja doch nicht umgesetzt werden, nicht schämen will. Sich täglich etwas vorzunehmen, dass am nächsten Tag nicht umgesetzt werden darf, weil das Programm ja die nächste Vorsatzbildung fordert, erinnert mich stark an einen Chefarzt, dessen Visiten während meiner klinischen Jahre oft eine Offenbarung waren. So pflegte er gerne dem Patienten, der vollmundig versprach, dass er das Rauchen ganz leicht einstellen könne, zu antworten: „Da geht es dir wie mir, mein Lieber, mache ich auch drei mal am Tag.“

Die Hirnforschung weiß eh längst, dass Änderungen für das neuronale Getue nur stressende Mehrarbeit bedeutet und deswegen das Beibehalten lieb gewordener Routinen mit der Ausschüttung körpereigener Belohnungsstoffe quittiert.
Das soll nun niemanden abhalten, sich gerne auch wieder zu diesem Jahreswechsel der guten Gewohnheit zuzuwenden, alte Gewohnheiten ablegen zu wollen. Wie eben gerade erwähnt, liebt unser Gehirn alte Gewohnheiten, „weil sie sehr viel weniger Stoffwechselenergie und sonstigen neuronalen Aufwand benötigen“ (Gerhard Roth).

Spannender für mich ist die Frage nach der Motivation: warum soll sich was/ich mich ändern? Kommt dieser Wunsch, die Absicht aus mir heraus? Oder bin ich nur mal wieder fremdbestimmt vom letzten Hype, dem neuesten „In“, fremd verantwortet vom flehend Blick eines Mitmenschen, der seine eigenen Unzulänglichkeiten an mich zu delegieren versucht?

Warum will ich überhaupt etwas für eine Zukunft, statt es hier und jetzt zu leben. Das konsequente, achtsame Eintauchen in den Daseinsfluss bewahrt mich vor jeglicher Vorsatzbildung.

Schon klar – damit verbieten sich eigentlich die klassischen Guten Wünsche für das Neue Jahr, aber das Gehirn …siehe oben

Alles Leben

Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt oder
beschleunigt werden kann;
alles ist Austragen – und dann Gebären.

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und
getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit.

Man muss Geduld haben, gegen das Ungelöste im Herzen und
versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke

Von größter Beständigkeit ist nur die Veränderung

Warum nur haben Untote eine so hohe Konjunktur? Wenn es ein Zeichen der Zeit ist, was wird da vom Zeitgeist konstelliert?
Wenn das Sterben unauflöslich mit der Geburt verbunden ist, gar seine Finalität ist (Ich werde geboren, um zu sterben.), wie muss dann das Leben gelebt werden, um in der Todesstunde „satt“ zu sein? Wenn ich den ALLES VERÄNDERNDEN Tod fürchte, könnte es dann nicht sein, dass diese Angst mich dazu bewegt auch im Leben möglichst wenig zu verändern? Sicherheit über alles! Immer der selbe sein (idem esse) und damit eben keine (lebendige) Identität zu erlangen, wird den Erfordernissen der Lebensphasen nicht gerecht.
„Qui n‘ a pas l‘ esprit de sonage, a toute le malheure de sonage“, hat Voltaire mal gesagt. „Wer nicht den Geist seines Alters hat, hat alle Leiden dieses Alters.“
Es lohnt sich also nicht, immer der Gleiche bleiben zu wollen.

Versicherte unter Druck

Einige Krankenkassen setzen Versicherte unter Druck, die lange arbeitsunfähig sind und deshalb Krankengeld beziehen. Unter diesen Versicherten sind besonders viele psychisch Kranke. Jeder fünfte Versicherte, der länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist, ist psychisch krank. Das Krankengeld ist eine Leistung der gesetzlichen
Krankenversicherung, durch die ein Versicherter bei längerer Krankheit und Arbeitsunfähigkeit (ab sechs Wochen) finanziell abgesichert werden soll. Krankengeld ist bei den gesetzlichen Krankenkassen ein beträchtlicher finanzieller Posten. Die Ausgaben für Krankengeld betrugen im Jahr 2013 9,76 Milliarden Euro. Sie sind seit 2005 um zwei Drittel gestiegen.
Unter dem Vorwand der „Beratung“ versuchen einige Krankenkassen, ihre Ausgaben für Krankengeld kurzfristig zu verringern, indem sie Versicherte unter Druck setzen, wieder arbeiten zu gehen. Das geht aus dem aktuellen Monitor Patientenberatung der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland hervor. Außerdem wird bei diesen
„Beratungen“ der Datenschutz nicht immer hinreichend beachtet.
So kritisiert der Bundebeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, dass Krankenkassen sensible persönliche Informationen zu aktuellen Lebensumständen, Problemen am Arbeitsplatz und familiären Nöten der Versicherten erheben, die mit ihren Aufgaben bei Arbeitsunfähigkeit nichts zu tun haben.
Die Bundespsychotherapeutenkammer begrüßt, dass der Gesetzgeber mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz
klarstellen will, dass die individuelle Beratung und Hilfestellung durch die Krankenkassen dort endet, wo die Aufgaben des Medizinischen Dienstes (MdK) beginnen. Die Prüfung von Maßnahmen zur Sicherung des Behandlungserfolgs oder die Überprüfung der Arbeitsunfähigkeit ist nicht Aufgabe der Krankenkassen.

Den gesamten Text der Studie finden Sie hier.

Gesundheiten

Ist das Gegenteil von Krankheiten „Gesundheiten“? – Im Ernst, wieso gibt es den Gegensatz nur im Singular? Krankheit – Gesundheit, klar, aber warum wird von Krankheiten, nicht aber von Gesundheiten gesprochen. Ich vermute mal, wir sind alle gesund genug, um zu erkennen, dass es eine Vielzahl unterscheidbarer Krankheiten gibt. Aber sind wir auch nur ausreichend gesund genug, um das krank machende Agens, die Kränkung, hinter der Erkrankung zu begreifen?
Die Ausdrucksformen der Kränkung – hier gibt es wieder einen Plural – die Kränkungen sind vielfältig. Aber die große Kränkung unserer Zeit liegt meines Erachtens in der industrialisierten Durchsetzung der Vorstellung von einem „guten Leben“, dem eine Auffassung vom Glück zugrunde liegt, das gemäß seinem berechenbaren Nutzen erstrebt wird. Wo bleibt da das Menschliche und das Zwischenmenschliche, wenn nur der Ökonomie des Nutzen gehuldigt wird?
Gerade auch in der Psychotherapie empfinde ich es als bedenklich, ja entwürdigend, wenn im Optimierungswahn Operationalisierung und Manualisierung, wenn Kostendämpfung, Kürzung, und eine absurde Form der Dokumentationspflicht den Therapeuten zwingen wollen aus dem Patienten, dem einzelnen, einzigartigen Menschen, ein konfektionierbares Etwas zu machen, das der Kosten-Nutzenrechnung unterliegt.
Oft sind es Jahre und Jahrzehnte, die leidvoll zu einem Muster geronnen sind. Da bedarf es Geduld beim Therapeuten und Patienten, bis sein bisher Ge- und Erduldetes kognitiv und emotional und sozial aufgearbeitet sind.
Keinesfalls jedoch braucht es des von der Gesellschaft  geforderten Tempos:

·         Schnelle und zügige Kurzzeittherapie – muss ja bezahlbar sein, sagen die Kassen

·         Schnelle und zügige Wiederherstellung der Arbeitskraft – muss ja produziert werden, sagt der Boss

·         Schnelles und zügiges Erreichen der ökonomischen Eingliederung ins Erwerbsleben – die Rente muss ja sicher sein, sagt der Staat

·         Schnelles und zügiges Verbrauchen der kaputtkonstruierten Überflüssigkeiten – muss ja konsumiert werden sagt die Industrie

Ist das das gute Leben?

Schafft die ratio oeconomica die Rahmenbedingungen für das angestrebte Wachstum zum Wohl des Einzelnen oder doch nur den optimierten Menschen, der letztlich zur Implosion des Systems beiträgt?

Wir bekommen, was wir geben. Oder geben wir, was wir bekommen?

Stille

„Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge“, sagt Wilhelm Busch. Die moderne Vokabel für Aufmerksamkeit, so scheint es, ist Achtsamkeit.

Achtsamkeit, herbeigeführt durch vielfältige meditative Techniken, als ein Weg zu größerer Bewusstheit. Der Übende wird angehalten dazu einen Ort und einen Moment der Stille zu schaffen und sich an den Atem, das Atmen zu binden. Etwa so:

Atme zwei Mal bewusst und tief. Das Einatmen ist lang und tief. Das Ausatmen lässt du fließen, bis der Atemzug von selber versiegt und dann lass noch ein paar Sekunden Pause, bevor du wieder einatmest. Begleite den Atem während der ganzen Zeit mit deiner vollen Aufmerksamkeit. Lass dich in die Stille nach dem Ausatmen gleiten, lass den Atem ruhig und frei fließen. Verharre einen Moment in der Stille.

Im Mittelpunkt steht der gegenwärtige Moment, das Jetzt. Den meisten Menschen fällt es jedoch schwer, den Moment zu leben, da der Verstand und das Denken zu viel Lärm machen.

Was schenkt uns die Stille? Eine kleine Geschichte verrät es uns:

Eines Tages kamen einige Wanderer zu einem  Mönch, der in einer Einsiedelei auf einem Berg wohnte. Sie fragten ihn: „Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben in der Stille?“

Der Mönch war mit dem Schöpfen von Wasser aus einem tiefen Brunnen beschäftigt. Er sprach zu seinen Besuchern: „Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“

Die Leute blickten in den tiefen Brunnen: „Wir sehen nichts!“

Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch die Leute erneut auf: „Schaut in den Brunnen! Was seht ihr jetzt?“

Die Leute blickten wieder hinunter: „Ja, jetzt sehen wir uns selber!“

Der Mönch sprach: „Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selber! Und nun wartet noch einen Augenblick.“

Nach einer Weile sagte der Mönch erneut: „Schaut jetzt in den Brunnen. Was seht ihr?“   Die Menschen schauten hinunter: „Nun sehen wir die Steine auf dem Grund des Brunnens.“

Da erklärte der Mönch: „Das ist die Erfahrung der Stille. Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“

Sei du…

http://fun.mivzakon.co.il/Video/entertainment/10044/10044.html

Advent im Januar

„Ich will endlich ankommen bei mir.“ Dieser Satz ist gar nicht so selten. In Erstgesprächen oder zu Anfang einer Therapie taucht er immer wieder auf.

Über da Ankommen habe ich schon einmal geschrieben, 2011 in der Adventszeit. Warum den Advent nicht mal in den Januar packen?! Am besten zu Neujahr, dem Tag, der mit guten Vorsätzen malträtiert wird: Ich höre auf mit…, ich fange an zu…, dann werde ich endlich bei mir ankommen.

Da wären wir dann wieder bei den Attraktoren. Etwas, das mir wert ist, habe ich nicht. Es mangelt mir daran. Ich will es haben, dringend, sofort. Der Wert des Fehlenden steigert sich gerade dadurch, dass er meine Gedanken in einer ständig auf sich selbst zurückweisenden Schleife gefangen nimmt: Das und das muss passieren, dann komme ich an.

Der Fehler in diesem Gedankengang, besser Gedankenkreisen, liegt in meiner Erwartungshaltung. Diese wiederum ist verknüpft mit einer Vorstellung von etwas, wie es sein sollte/könnte. Konjunktiv. Wunschdenken.

Spricht etwas gegen das Wünschen? Sind Wünsche nicht der Motor des Fortschritts. Die Produzenten hören den Gedanken sicher gern, haben sie ihn doch erfunden.

Seien wir realistisch: die Vorstellung, dass etwas nicht in Ordnung ist, ist das eigentliche Problem. Der Widerstand gegen das, was nicht in Ordnung ist, meine Begrenztheit, meine Gefangenschaft, in dem, was und wie ich bin, wirkt über den Konjunktiv als Verstärker zu einer Vorsatzbildung: der könnte ich sein. Endlich ankommen.

Aber es geht gar nicht darum etwas zu erreichen, sondern den Kontext zu untersuchen, der dazu führt, etwas sei zu erreichen, was jetzt noch nicht da ist. Ich muss den Mut haben, dem Illusionisten in mir zu begegnen, ihm ein Dialogpartner zu sein, in einen Prozess der Selbsterforschung einzu-treten. Dieser Vorgang kann allmählich zu einer Dekonstruktion des phänomenalen Selbst – Metzinger nennt es die Ich-Illusion – führen.

„Die Wirklichkeit ist nicht die Wirklichkeit. Der Übergang von der Illusion zu dem, was wirklich ist, erfordert kein Auswechseln des Inhalts, des Paradigmas, sondern der Wahrnehmung. Und so gibt es immer einen Horizont, hinter dem es weiter geht … Das eigene Innere.“

Die Quintessenz: Keine Vorsatzbildung, keine Programme, die doch nur scheitern oder Gefängnisse darstellen. Viel einfacher (wenn auch nicht leichter): Ich gestehe mir ein, dass ich an mir leide. Und dass ich gern leide, ja, denn sonst könnte ich ja damit aufhören.
Diesem Gedanken und den daraus folgenden Empfindungen und Gefühlen gebe ich mich vorbehaltlos und anhaltend hin, lange…, lange genug…

Mit den besten «Wünschen»

Hanswerner Herber

Weihnachten 2013

Thomas wusste es schon…

 

“ Wenn ihr jenes in euch hervorbringt, wird euch das, was ihr habt, erretten.
Wenn ihr jenes nicht in euch habt, wird das, was ihr nicht in euch habt, euch töten.“
Thomas-Evangelium, Logion 70

 

Ich weiß es immer noch nicht…

Als ich mich vor Jahren das erste Mal von der Spruchsammlung faszinieren ließ, war mir das obige Logion sofort klar:

Wenn ich das, was in mir angelegt ist, meine Anlagen, zu meinem Anliegen mache, es seiner Bestimmung zuführe, also der werde, der ich bin, dann – alles okay. Wenn nicht, dann bleibt das, was in mir leben will, unlebendig, und ich bin mitten im Leben töter als tot.

Soweit, so gut! Aber das steht da so nicht. Da hatte ich a) zu schnell gelesen, und b) das (heraus) gelesen, was mir in den letzten Jahren klar geworden ist. Das Ego hat’s gefreut.
Nein, da steht… ja, und jetzt schweige ich lieber.
Klar habe ich in der Literatur viele, auch plausible Antworten gefunden. Aber die waren zu plausibel für den doppelten Rätselspruch.

Also kehre ich auch jetzt wieder zurück in mein Nichtwissen

und überlege und verwerfe,

überlege und verwerfe erneut,

grüble,

erlebe in der Stille das Aufblitzen einer Antwort,

erhasche sie … nicht,

schweige im sich ausbreitendem Schweigen,

werde leer,

stehe irgendwann auf

und fühle mich getröstet.

Ich wünsche allen in diesen Tagen und für das nächste Jahr
Momente der Stille,
in den Fragen aufscheinen können,
und die Geduld,
Antworten nicht erzwingen zu wollen.

 

Hanswerner Herber